Woran sie gestorben ist, haben wir erst im Nachhinein vom
Staatsanwalt erfahren, wir dachten, es hinge mit dem
Turnersyndrom zusammen. Unser Anwalt sagte uns, Luisa habe
einen Blutzuckerwert von 1000 gehabt. Das würde den stärksten
Elefanten umhauen.

Eine Krankenschwester hat ihr die falsche Glukoselösung vor
der OP angehängt, und die bekam sie bis nach der
Untersuchung. 24 Stunden erhielt Luisa eine 40-prozentige
Glukoselösung.


Luisa
und die Eltern Daniela und Bobby


Die schmerzhafte Konfrontation mit dem Tod.
Daniela:
Luisa erblickte vier Wochen zu früh das Licht der Welt und litt an dem
Turnersydrom. Sechs Wochen lang lag sie in der Fuldaer Kinderklinik,
und die Ärzte und Schwestern haben sich rührend um Luisa
gekümmert. Acht wundervolle Wochen durften wir sie anschließend zu
Hause haben, bis wir mit ihr in die Gießener Uniklinik fuhren, ihr Herz
sollte untersucht werden. Am Abend vor der OP wurde ihr die erste
Infusion gegeben.

Nach der Herzkatheteruntersuchung haben sie Luisa auf die
Wachstation gebracht. Sie war sehr unruhig, trotz Beruhigungsmitteln,
das kannte ich von ihr nicht, so habe ich sie nie erlebt. Als ich vom
Frühstücken zurückkam, sah ich meine Tochter so merkwürdig
krampfen, sie hat sich so seltsam geschüttelt.

Die Ärzte und Schwestern standen schon um sie herum.
Aber sie haben Luisa falsch behandelt, die Ärzte dachten, es habe
sich nach der Herzkathederuntersuchung ein Blutgerinnsel gelöst. Ich
wurde wieder rausgeschickt, es hat mir keiner gesagt, was los ist. In
der Zwischenzeit habe ich versucht, meinen Mann zu erreichen.
Später wurde Luisa auf die Intensivstation verlegt.

Als wir beide zu ihr gingen und sie da liegen sahen, war es schon
nicht mehr Luisa, so wie wir sie kannten. Sie war viel größer, so kam
es uns vor, sie war aufgedunsen durch die ganzen Medikamente, die
sie bekam. Das Bein hätten sie vielleicht abnehmen müssen, es war
nicht mehr durchblutet, das hat man gesehen, es war schon richtig
bläulich.

Die Ärzte haben es probiert, sie sagten, vielleicht gibt es sich wieder.
Sie wussten das mit dem Blutzucker noch nicht. Hätten sie es
gewusst, dann hätten sie gleich Gegenmaßnahmen eingeleitet. Drei
Tage lang sind wir jeden Tag auf die Intensivstation gekommen. Vor
jedem Besuch mussten wir warten, weil auch andere Kinder auf der
Intensiv lagen, nach ihrer Herz-OP.

Manchmal mussten wir zwei, drei Stunden im Besucherraum warten,
bis wir zu unserem Kind durften. Und dann siehst du es da liegen und
es liegt eigentlich schon da wie tot. Du spürst nichts mehr von deinem
Kind, da kommt nichts mehr rüber. Sie hat sich ganz komisch
angefühlt, wenn du sie gestreichelt hast, da war keine Wärme mehr
da, es fühlte sich ganz anders an.




Sie ist in meinen Armen gestorben. Wir mussten unterschreiben, dass
die Maschinen abgestellt werden. Der Arzt hat uns klipp und klar
gesagt, dass sie hirntot ist und sie nicht wieder gesund wird. Alle
Organe hatten aufgehört zu arbeiten, außer dem Herz. Das Herz war
in Ordnung, eine Ironie des Schicksals.




Wir haben eine Seelsorgerin kommen lassen, um eine Nottaufe
durchführen zu lassen. Luisa war nämlich noch nicht getauft. Das war
das Schlimmste für uns. Es hätte nicht viel gefehlt, und mein Mann wäre
zusammengebrochen. Es war, als würden sich unsere Rollen
vertauschen. Ich musste stark sein, und mein Mann wurde schwach, er,
der sonst so stark war für uns.


Irgendwie fühle ich mich für Luisas Tod verantwortlich. Als die
Beatmungsmaschine abgestellt wurde, ist sie in meinen Armen erstickt.
Sie hat sich noch mal gereckt, so als würde sie mich noch mal
anschauen. Es war sehr schlimm für mich.

Sie haben die Türen aufgemacht, als sie tot war, so konnte ihre Seele
nach draußen.





Bobby:
Drei, vier Tagen nach Luisas Tod hatte ich das Gefühl, sie würde noch mal
zu mir kommen, ich habe gespürt, wie sie sich nachts in meinen Arm
kuschelte, zwei drei Nächte hintereinander. Vielleicht habe ich es auch nur
geträumt. Meine Frau sagt, vielleicht war es nur eine Wunschvorstellung.

Wir waren in psychologischer Behandlung, das hat mir sehr geholfen. Wenn
ich mit jemandem darüber reden konnte, dann ging es mir besser. Ich hab
am Anfang so einen Hass gehabt auf die Krankenschwester. Ich wäre am
liebsten hingefahren und hätte sie umgebracht, sag ich jetzt mal so, weil ich
einen so großen Hass hatte.


Wie geht ihr mit dem eigenen Tod um?


Daniela:
Ich bin gerade mal 25 Jahre alt, ich denke eher, dass ich mein Leben noch
vor mir habe. Über den Tod denke ich nicht nach. Man will es gar nicht
wahrhaben.

Ich weiß, irgendwann muss jeder sterben, aber ich mache da kein Thema
drum. Ich denke da eher an meine Kinder, wenn dann irgendetwas passiert.
Was wird aus meinen Kindern, wenn wir beide bei einem Autounfall ums
Leben kämen?

Es kann sein, dass man in einem Jahr tot ist oder dass man noch zehn
Jahre lebt. Das weiß keiner. Ich weiß nicht, das ist für mich irgendwo noch
ganz weit weg.

Bobby:
Um es mal so zu sagen:
Ich habe den Tod schon oft vor Augen gehabt. Ich habe viele Verkehrsunfälle
gesehen durch meine Tätigkeit bei der Feuerwehr.

Aber über den eigenen Tod habe ich mir noch keine großen Gedanken
gemacht.


Seht ihr einen Sinn im Tod?

Daniela:
Der Tod von Luisa ist für uns sinnlos. Sie ist gestorben, weil ein Mensch
einen Fehler gemacht hat, und wir haben eine Riesenwut auf diesen
Menschen.


Wir stellen alle drei Tage ein Licht auf Luisas Grab, ich weiß ja nicht, was
nach dem Tod kommt, vielleicht sieht sie es ja von oben.
Luisa ist im August gestorben, und ich war im August auch wieder
schwanger. Ein Gottesgeschenk? Vielleicht.






Was würdet ihr mitnehmen?

Daniela:
Also, ich würde nichts Materielles mitnehmen. Ganz ehrlich,
wenn ich sterben würde, möchte ich am liebsten irgendetwas
mitnehmen, damit ich spüre, dass meine Kinder und mein
Mann bei mir sind. Weil das wirklich was ist, ich liebe diese
Menschen, und ich liebe sie ja auch weiter, selbst wenn ich
sterbe. Ich möchte die Liebe meiner Liebsten mitnehmen,
sonst nichts.


Bobby:
Ja, auch ich würde die Liebe mitnehmen. Weil ich mir denke,
mit einem Auto kannst du da ja nicht viel mit anfangen....





Langzeitprojekt memento mori
SINN DES TODES
oder die Kunst mit der Verfallsgarantie zu leben



Freier Lichtbildner
Dieter W. Weinstock
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